
Franziskanerkloster und -kirche
Die ehemalige Franziskanerkirche von Keszthely ist eines der größten heimischen Denkmäler der mittelalterlichen Bautätigkeit der Bettelmönchsorden. Die geostete Kirche besteht aus drei Teilen: dem neugotischen Turm aus dem 19. Jahrhundert (bzw. der Vorhalle), dem Kirchenschiff mit fünf Gewölbejochen und dem mit drei Seiten eines Achtecks schließenden Altarraum. Ihre Mauern wurden aus Bruchstein errichtet, und nur die Kanten sowie die gegliederten Details wurden aus behauenem Stein gefertigt. (Als Kuriosität sei hier kurz auf die damalige Art des Kirchenbaus eingegangen. In eine dem Grundriss entsprechend vorbereitete Schalung schüttete man den Bruchstein, füllte ihn mit ungelöschtem Kalk aus und übergoss ihn mit Wasser, sodass die Steine praktisch zusammenbrannten. Die Gewölbe spannte man unter Verwendung eines Stützgerüsts, indem man die behauenen Steine dicht nebeneinander legte und den keilförmigen Schlussstein einsetzte.)
Das Äußere der Kirche gliederten gewaltige, viermal abgestufte gotische Strebepfeiler, zwischen denen in den Mauern Steinmaßwerkfenster sitzen. An ihrer Nordseite schließt sich auf ihrer gesamten Breite das Kloster an, das einen quadratischen, geschlossenen Hof umschließt, von Süden die Sankt-Anna-Kapelle. Vom Grundriss her ist die Kirche ein typischer Vertreter der heimischen Franziskanerklöster.
Die Zierde des auf die Westfassade gesetzten neuzeitlichen Turmbaus sind das Rosettenfenster und das Hauptportal. Das Rosettenfenster mit 12 Speichen wurde von seinem einstigen Platz in das Turmgeschoss versetzt. Die inneren Gliederungen der Laibung des Portals schwingen ohne Unterbrechung in den Bogen über. Am westlichen Ende des Kirchenschiffs ist an seinem ursprünglichen Platz das einstige Haupteingangsportal zu sehen, das mit dem Turmkörper zugemauert wurde. Die jüngste Restaurierung legte den gotischen Steinrahmen frei, der ursprünglich von einem kleinen vordachartigen Aufbau bedeckt war. Die westliche, zur Musikempore führende Wendeltreppe und der von zwei Pfeilern gestützte Balkon der Empore entstanden vermutlich, als unsere Kirche zur Pfarrkirche der Stadt Keszthely wurde. Bei der Restaurierung von 1896 entwarf Ottó Stehlo anstelle der Wendeltreppe und der Musikempore eine dreibogige neugotische Empore, und diese steht in unserer Kirche noch heute.
Das Kirchenschiff gliedert sich in fünf Gewölbefelder. Während die Flächen des Altarraums mit Fresken bedeckt waren, waren die Wandflächen des einstigen gotischen Schiffs einfarbig. Die Kreuzgewölbe des Kirchenschiffs und des Altarraums schließen bzw. schlossen Schlusssteine mit symbolischen Darstellungen. So sehen wir, von Westen nach Osten fortschreitend, auf dem ersten Schlussstein ein Pflanzenornament, einen Ochsenkopf, eine zwischen zwei Schilfhalmen dargestellte vogelartige Figur sowie eine Wappendarstellung (ein Halbmond im Schild, darüber ein Helm: das ist das Wappen von István Laczkfy!), im Altarraum hingegen eine in einem Schild angebrachte fünfblättrige Rose, einen Drachen und eine flammende Sonne.
Nach dem Brauch des Ordens errichtete man auf der Nordseite, am Treffpunkt von Altarraum und Kirchenschiff, einen Turm. Das am Triumphbogen sichtbare Chronostichon hält die wichtigsten Jahreszahlen der Kirchengeschichte fest.
Der Altarraum ist etwas niedriger als das Kirchenschiff; beide bedecken gotische Kreuzgewölbe, die mit Rippen gleicher Gestaltung und gleichen Profils errichtet wurden. Die Säulen werden von baldachinbekrönten Nischen unterbrochen, in ihrem unteren Teil mit einem gegliederten Sockel. An der Südseite des Altarraums können wir die Grabplatte aus rotem Marmor des Gründers, István Laczkfy, sehen. Die Restaurierung von 1896 erfolgte nach den damals üblichen Grundsätzen: Aus der Kirche wurde alles entfernt, was nicht gotisch war. So ließ Ottó Stehlo nicht nur die mittelalterlichen Steine neu behauen, sondern ließ sogar das Grab von István Laczkfy abtragen, seine Steine in den Unterbau des neuen Altars einmauern und den Grabstein aus der Kirche entfernen – obwohl dieser wirklich gotisch war! Von 1896 an befand sich der Grabstein außerhalb der Kirche, in der Südwand des Altarraums; 1933 wurde er in die Kirche geholt. In dem Rahmen um die schwer erkennbare, abgenutzte Wappenzeichnung steht eine Inschrift in gotischen Buchstaben. Neben dem Grabstein von István Laczkfy befindet sich die spätgotische Sitznische, die vermutlich im 15. Jahrhundert umgearbeitet wurde. In den Sakristeigang führt an der Nordseite des Altarraums neben der einstigen gotischen Tür eine beim Umbau von 1896 umgearbeitete Tür. Zwischen den beiden Türen befindet sich das Epitaph (die Grabinschrift) im Zopfstil von Kristóf Festetics (dem ersten Festetics in Keszthely), das der Architekt der Familie Festetics, Kristóf Hofstätter, entwarf.
Vom an den Altarraum anschließenden Korridorabschnitt geht die kreuzgewölbte Sakristei ab, die mit ihrem Schlussstein (mit Agnus-Dei-Darstellung) und ihrer steingerahmten Tür der unberührteste gotische Teil der Kirche ist. Die besondere Merkwürdigkeit des Schlusssteinschmucks des Sakristeigewölbes – des Reliefs des Lammes Gottes – besteht darin, dass sein Bildhauer den zum Kreuz zurückgewandten Kopf des Lammes in der Aufsicht herausarbeitete.
Die Kirche erhielt ihr heutiges Erscheinungsbild im Jahr 1896. Die Wiederherstellung erfolgte nach den damals modischen puristischen Grundsätzen und beeinträchtigte so den Denkmalwert der Kirche nachteilig. Damals wurde die barocke Einrichtung entfernt und durch die heutige neugotische ersetzt.
Die einzigartigen Schätze der großen gotischen Kirche der Franziskaner sind die 1974 freigelegten Fresken.
Die Fresken der Kirche
Bei der jüngsten Restaurierung der Kirche traten an den Seitenwänden des 16 m hohen und 20 m langen Altarraums nacheinander dekorative und figürliche Darstellungen zutage.
Im Mittelalter war der gesamte Altarraum mit Wandbildern geschmückt, was in einer Bettelordenskirche eine Seltenheit ist. Den Wandbildzyklus konnten jedoch nur die Mönche sehen, da der Altarraum den Laien verschlossen war.
Unter den gewaltigen gotischen Fenstern verläuft ein Gurtgesims, das auch die Wandbilder voneinander trennt. Unter dem Gurtgesims sind an der Südwand des Altarraums die 12 kleinen Propheten zu sehen, an den beiden Enden mit den Bildern von König Salomon und König David. Jeder von ihnen hält eine Schriftrolle in den Händen. Ihnen gegenüber sind die Bilder von vier großen Propheten, vier Evangelisten und den vier Erzengeln zu sehen. Über dem Gurtgesims sind auf der linken Seite Fragmente einer größeren Freskenreihe zu sehen; die meisten von ihnen sind stark fragmentarisch, heute lassen sich nur die unter dem Gesims mit Sicherheit identifizieren. Von der linken Seite des Triumphbogens nach rechts fortschreitend sind der Einzug Jesu in Jerusalem, das Letzte Abendmahl, der Ölberg, der Judaskuss und Jesus vor Pilatus (im Hintergrund Pilatus, der sich die Hände wäscht) zu sehen. Darunter lässt sich die Kreuztragung erkennen; das Schlussbild der Reihe ist die Himmelfahrt Jesu. Über dem Gesims wurde vermutlich eine Reihe gemalt, die von der Geburt Jesu bis zu seinem letzten Tag reichte. Von diesen ist allein die Darstellung Jesu im Tempel an der gegenüberliegenden Wand zu sehen. An der rechten Wand können wir den Tempelgang Mariens sehen. Hier wurden die wichtigeren Ereignisse aus dem Leben Mariens dargestellt.
Die nächste Reihe zeigt an der Süd- und Ostseite übereinander stehende Heilige: in der unteren Reihe von links nach rechts die hl. Helena mit dem Kreuz, die Aufnahme der Maria Magdalena in den Himmel. Rechts die hl. Margareta von Antiochia, die hl. Dorothea, die hl. Katharina von Alexandrien und die hl. Barbara, dann die hl. Klara und die hl. Elisabeth von Ungarn sowie zwei Franziskanerheilige, vermutlich Antonius und Bonaventura.
In der zweiten Reihe könnten neben den Fenstern zehn heilige Bischöfe gestanden haben. Von ihnen sind uns Fragmente von fünf erhalten geblieben. Unter ihnen ist das Bild des hl. Ludwig von Toulouse, des Onkels von Karl Robert, gut zu erkennen; er trägt über seiner Franziskanerkapuze einen Bischofsmantel, und die Krone zu seinen Füßen zeigt an, dass er anstelle des Throns das Ordensleben wählte.
Über der Reihe der Bischöfe standen aller Wahrscheinlichkeit nach Könige. In der Mitte lassen sich der heilige König Stephan, der den Reichsapfel in der Hand hält, und der heilige Ladislaus erkennen.
Die schönsten und zugleich in unserem Land einzigartigen Darstellungen des Keszthelyer Altarraums sind in den Fensterlaibungen erhalten geblieben. In geometrischen Rahmen befinden sich weltliche Köpfe; um die Köpfe gibt es keinen Heiligenschein, es sind also keine Heiligen. Auf eigenartige Weise begegnen wir hier einer reichen Variation von Darstellungen männlicher Köpfe. In den Laibungen der einzelnen Fenster erscheinen in geometrischen Rahmen unterschiedlicher Form und Färbung etwa 32–40 Kopfdarstellungen in verschiedenen Haltungen.
Die den gesamten Altarraum bedeckende gewaltige Freskenreihe kann nicht das Werk eines einzigen Meisters gewesen sein; offensichtlich arbeitete eine ganze Werkstatt daran. Der Stil zweier eigenständiger Künstlerpersönlichkeiten ist recht gut greifbar. Ihr Stil wurzelt in der die italienische Frührenaissance vertretenden Trecento-Malerei. Die Ausmalung des Altarraums dürfte vor der Weihe in der ersten Hälfte der achtziger Jahre des 14. Jahrhunderts fertiggestellt worden sein.

